Conrad Felixmüller: Der Bereich

Gastbeitrag: Detlef Petereit


In folgenden Flugzeugfoto sind sehr schön die (seinerzeit noch geplanten) Veränderungen im Zusammenhang mit der Elektrifizierung der Stadtbahn, der Verlegung des Spandauer Vorortverkehrs auf die nun elektrifizierten Gleise, der Schließung des S-Bahnringes sowie des damit verbundenen Baus des hier noch als „Umsteigebahnhof Charlottenburg“, 1929 als Bahnhof „Ausstellung“ (mit Bezug zum Messegelände) eröffneten und 1932 in „Westkreuz“ umbenannten Umsteigebahnhofs zu erkennen.

„Luftaufnahme
Bereiche um den noch nicht erbauten Umsteigebahnhof „Ausstellung“ – später: „Westkreuz“.
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Die Gleise aller vier Nordkurven wurden abgebaut. Es handelt sich dabei um die rechts im Luftbild mit vier roten X gekennzeichnete stadtauswärts führende Nordkurve der S-Bahn sowie die drei Gleise in der Mitte der Flugzeugaufnahme mit den Markierungen „ P “, X und „ 8 “. Das sind v.l.n.r. ein stadtein- und ein statauswärts führendes Fernbahngleis sowie das stadteinwärts führende S-Bahngleis der Nordkurve.

Das noch weiter links abgebildete, bis weit in den Hintergrund zum Bahnhof Heerstraße mit roten X gekennzeichnete Gleis, musste dem Bau des Umsteigebahnhofes weichen. Die Verbindung zur Heerstraße wurde als quasi gerade Verlängerung der Stadtbahntrasse durch den Bahnhof Westkreuz nun zur Trasse der „Spandauer Vorortbahn“ am Bahnhof Eichkamp geführt. Das hatte den Vorteil, dass die sich seit Ende des 1. Weltkrieges – vor allem in den 1920er Jahre rasant – entwickelnde Siedlung Eichkamp sowie die 1921 eröffnete AVUS mit dem Bahnhof Eichkamp (heute: Messe Süd) an den Stadtbahn-Verkehr angeschlossen werden konnte.



Deutlich zeichnen sich in der obigen „Flugaufnahme“ auch die beiden schon vor 1920 (mehr) bereits existierenden Kleingartenan­lagen ab. Uns liegt der Nachweis einer der als Nummer 27 ersten, mit 01. November 1920 datiert begonnenen Mitgliedschaft vor. Der zugehörige Kleingarten ist in dieser Luftaufnahme (rechts oben) mit „ K “ gekennzeichnet. Nach dem Zusammenschluss der bis 1920 landeseigenen Einbahngesellschaften zur Deutschen Reichsbahn gründete sich der Hauptver­band Deutscher Reichsbahn-Kleinwirte (26.11.1920). Seit dem 31. Mai 1949 unterstanden die Westberliner Grundstücke der Deutschen Reichsbahn (DR). Jene, die nicht dem unmittelbaren Betrieb der Eisenbahn und der Berliner S-Bahn dienten, wurden auf Anordnung der Westalliierten der „Verwaltung des Finanzamtes für Liegenschaften des Senates“ unterstellt. Dazu gehörten z.B. Wohnhäuser, diverse Gebäude, Lagerflächen und Kleingartenkolonien. Deren Miet- und Pachteinahmen wurden auf ein der „Verwaltung des Finanzamtes für Liegenschaften des Senates“ gehörendes Konto eingezahlt, die Deutsche Reichsbahn hatte darauf keinen Zugriff. Somit verblieben bei der Reichsbahn lediglich die Betriebsrechte in Westberlin sowie die daraus erzielten Fahrgeldeinnahmen. Die Verwaltungsaufgaben wurden ab 1953 von der bei der Bundesbahn angesiedelten „Verwaltung des ehemaligen Reichsbahnvermögens (VdeR)“ übernommen. [Quelle : VdeR – Verwaltung des ehemaligen Reichsbahnvermögens]
Die Situation der Westberliner Bahn-Landwirtschaft war bis zum Fall der Berliner Mauer in einigen Teilen kompliziert. Aber das ist ein anderes Thema, zu dem Sie mehr bei der Teilnahme an einer unserer Führungen durch das Areal sowie in einem gesonderten Beitrag hier auf der Webseite erfahren können.



Vollständig auf dem Gebiet der kreisfreien Stadt Charlottenburg gelegen, wurde ab 1882 die „Charlottenburger Lokomotivstation“ betrieben und ab 10. Februar 1929 als „Eisenbahnmeisterei Charlottenburg“ genutzt. Das war auch insoweit korrekt, da dieser Bereich bis 1937 tatsächlich zu Charlottenburg gehörte, danach jedoch zu Wilmersdorf.

Charlottenburg (1705 als Stadt gegründet) und Wilmersdorf (1293 erstmals urkundlich erwähnt) waren bis zum Inkrafttreten am 01. Oktober 1920 des Gesetzes über die Bildung einer neuen Stadtgemeinde Berlin (Groß-Berlin-Gesetz) vom 27. April 1920 eigenständige „kreisfreie Städte“. Nach der Eingemeindung bildeten sie die gleichnamigen Bezirke.

Auf der Grundlage des Gesetzes über die Verfassung und Verwaltung der Reichshauptstadt Berlin vom 01.12.1936 änderte 1937 das Groß-Berlin-Gesetz mit Wirkung zum 01. April 1938 zahlreiche Begradigungen der Bezirksgrenzen sowie einige größere Gebietsänderungen. Beides betraf auch den von uns betrachteten Abschnitt (bis 1938 orangefarbene Linie auf der Karte): Zum einen fiel die (sich bis dahin vollständig auf Charlottenburger Territorium befindliche) Eisenbahnmeisterei Charlottenburg nun vollständig an Wilmersdorf, zum anderen gingen das schon seit 1913 genutzte Kleingartengelände nördlich der Stadtbahn, der neue „Bahnhof Westkreuz“ und weitere Teile an Charlottenburg (rote Linie ab 1938).

Der Name der jetzt tatsächlich und vollstäändig in Wilmersdorf gelegenen »Eisenbahnmeisterei Charlottenburg« wurde jedoch bis zur Außerdienststellung nach schweren Schäden durch alliierte Luftangriffe 1944/45 beibehalten.

Bezirksgrenze 1920 bis 1938
Orange Linie: Bezirksgrenze 1920, rote Linie: Bezirksgrenze ab 1938,
schwarze Linie: Eisenbahntrasse bis 1928 nach Spandau.
— Karte: https://www.openstreetmap.de/karte.html

Weitere Informationen zur gemeinsamen Grenze zwischen den Städten Charlottenburg und Wilmersdorf finden Sie in einem Gastbeitrag von Dr. Michael Roeder auf unserer Webseite.

Die Auswirkungen dieser Gebietsänderung von 1938 zeigen sich bis heute. Der seinerzeit Charlottenburger (nördlich der S-Bahntrasse Charlottenburg – Westkreuz gelegene) Teil gehört zum Bundeseisenbahnvermögen (BEV), der südlich gelegene Teil einem privaten Investor.
Wie kam es dazu?
Seit Teilung der Stadt Berlin und auch nach dem Mauerbau 1961, gehörten die Westberliner Eisenbahnanlagen der im Osten Deutschlands (DDR) ansässigen „Deutschen Reichbahn“. So auch dieses Gebiet und die Anlagen der ehemaligen „Eisenbahnmeisterei Charlottenburg“. Am 27.12.1993 wurde das „Gesetz zur Zusammenführung und Neugliederung der Bundeseisenbahnen“ (Bundeseisenbahnneugliederungsgesetz – BEZNG) erlassen, verkündet im Gesetzblatt Teil I Nr. 73 vom 30.12.1993, Seite 2378 bis 2427. In dessen Folge wurde dieses Gebiet in das „Bundeseisenbahnvermögen“ überführt.
Bis zur Bezirksgebietsreform am 01.01.2001 blieb die Aufteilung der Bezirke Charlottenburg und Wilmersdorf noch, wie oben in der Abbildung gezeigt, erhalten – alt also bei Übernahme des der Deutschen Reischbahn gehörenden Gebiets 1993/94 noch. Während der Charlottenburger Teil, also der nördlich der S-Bahntrasse zwischen den Bahnhöfen Charlottenburg und Westkreuz liegende Teil beim Bundeseisenbahnvermögen verblieb, wurde in den darauf folgenden Jahren der südlich der Trasse befindliche – also Wilmerdorfer – Teil dem „Unternehmensbereich Fahrweg“ (zuständig für die Infrastruktur) zugeordnet und gelangte so (im Zuge der zweiten Stufe der Bahnreform 1999) in den Besitz der DB Netz AG. Noch bevor diese AG am 27.12.2023 in die gemeinwohlorientierte (dafür steht das GO) DB InffraGO überführt (und mit DB Station&Service verschmolzen) wurde – deren Gewinne unmittelbar an den Bund abgeführt werden (müssen) – verkaufte die Deutsche Bahn AG ihren (DB Netz AG) Teil an einen privaten Investor. So fiel der Gewinn dem Unternehmen DB AG – und nicht vollständig dem Bund – zu.
Nach dem Willen des Investors sollen hier eine Reihe von Hochhäusern, teure Wohnungen und wohl auch ein paar sozialverträgliche Wohnungen entstehen (Beispiel eines Entwurfes – [öffnet in neuem Fenster]).

Der Senat und der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf haben andere Pläne: Der südliche Teil des Areals ist seit 2019 im Berliner Flächennutzungsplan auf „grün“ gestellt (Senatsvorlage FNP-Anderung 4-66 [Ersatzlink]). Das hat aber keine Rechtsnormqualität und führt zu keiner Planungssicherheit; ist also lediglich eine politische Absichtserklärung, die jederzeit geändert werden kann.
Demgegenüber wird der nördliche Teil mit seinen Kleingärten und Erholungswert schon bald nicht mehr existieren, da er einem kapitalen Bauprojekt mit vielen Hochhäsern zum Opfer fallen wird [Zitat: „In ihren Entwürfen hat das deutsch-schweizerische Planungsteam den S-Bahnhof Westkreuz als Hochhausquartier konzipiert.“] (keine Bürgerbeteiligung, dafür Rechtsnormqualität und Planungssicherheit).

So kam es, dass der nördliche und der südliche Teil des als „WestkreuzPark!“ bekannten Gebietes mit seinen dort angesiedelten Kleingärten, „urban gardening“ u.a.m. derzeit zwei verschiedene Besitzer hat.

Detlef Petereit


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