Conrad Felixmüller: Da fehlt doch was

Gastbeitrag: Detlef Petereit

Es ist schon erstaunlich, wie sehr ein kleines Bild einen Menschen faszinieren kann. Ich beschäftige mich nun schon mehrere Jahre immer mal wieder mit dem Bild „Häusermeer und Schienenstränge“ von Conrad Felixmüller und finde doch tatsächlich noch immer wieder neue Aspekte in dem Bild. Nun ja, das ist leicht, etwas zu entdecken, das gezeichnet vorliegt. Schwieriger ist es da schon, zu entdecken, dass etwas fehlt, also nicht gezeichnet wurde. Aber auch das durfte ich bei der Beschäftigung mit diesem Gemälde erfahren. Das ist insofern bemerkenswert, als Conrad Felixmüller als einer der wichtigsten Vertreter der Neuen Sachlichkeit angesehen wird.

„Mit Neuer Sachlichkeit bezeichnet man die Rückbesinnung auf die Welt des Sichtbaren.“

Wikipedia

Dennoch gibt es in diesem Gemälde einzelne Aspekte, die von dem Künstler offenbar ganz bewusst im Interesse des Betrachters weggelassen wurden. Das möchte ich an zwei Beispielen zeigen.


Bemerkenswert ist, dass der hier im Gleisplan von 1930 und auch im Luftbild von 1954 mit „ W “ gekennzeichnete, deutlich erkennbare, Wasserturm am Rundlokschuppen im Gemälde nicht zu finden ist.

Sollte dieser Wasserturm direkt hinter dem Belüftungshütchen des Rundlokschuppens aus Sicht Conrad Felixmüllers verborgen gewesen sein?

Über jedem Rundlokschuppen erhebt sich ein solches Hütchen (vgl. Rummelsburg [Bitte warten, Zugriff auf Webarchiv dauert bis zu 20 Sekunden!] oder Pankow-Heinersdorf [dto.]) zur Ableitung der giftigen Verbrennungsgase und des Wasserdampfes der Lokomotiven. Da ein Wasserturm den Rundlokschuppen in der Höhe überragt, ist es eher unwahrscheinlich, dass er durch das Entlüftungshütchen aus Sicht Conrad Felixmüllers gerade vollständig verdeckt gewesen sein soll.

Solche Wassertürme wurden – wie z.B. hier in Berlin-Schöneweide – gemeinsam mit der Gesamtanlage errichtet, in unserem Fall also wohl vor 1882 gebaut. Im Gegensatz zum Wasserturm in Schöneweide ist – wie die folgende Luftaufnahme von 1927 zeigt – unser Wasserturm in Charlottenburg jedoch mit einer ausgesprochen runden Kuppel unter einer Spitze ausgestattet; eine Ähnlichkeit mit dem Entlüftungshütchen des Rundlokschuppens kann also nahezu ausgeschlossen werden – es sei denn, es würde lediglich die Spitze den Rundlockschuppen überragen, was noch zu zeigen sein wird.

Zur Zeit der Entstehung des Gemäldes 1934 hatte der Wasserturm nach Elektrifizierung der Stadtbahn 1929 seine Hauptfunktion eigentlich schon verloren, wurde aber wohl noch von der Eisenbahnmeisterei genutzt. Er ist zwar im Plan von 1930 eingezeichnet, aber nicht namentlich (wie andere Gebäude) erwähnt. Die Luftaufnahmen von 1927 (rechts) sowie 1954 zeigen den Wasserturm deutlich.Tunnelausgang

Aber warum ist der Wasserturm NICHT auch auf dem Gemälde von Conrad Felixmüller?
Ich vermute, dass der Künstler auf die Abbildung des Wasserturmes – der sich aus seiner Sicht und Perspektive dicht neben dem Entlüftungshütchen des Rundlokschuppens befand und diesen nur wenig überragte – verzichtet hat, um den Betrachter nicht mit zwei ähnlich aussehenden „Spitzen“ auf dem Rundlokschuppen zu verwirren.
Ein – wie ich meine – zumindest erwähnenswertes und beachtenswertes Detail für einen namhaften Vertreter der „Neuen Sachlichkeit“ in der Kunst.

Einen Hinweis zur Bestätigung dieser These finden wir auf einem alten Foto von 1905, das aus dem rechten Nachbarhaus (Rönnestraße 19) aufgenommen wurde. Auf der Stadt- und Vorortbahn fuhren die Züge noch mit Dampflokomotiven, wie auf dem Foto deutlich zu erkennen ist.

Doch wenden wir uns nun der im Gemälde Felixmüllers weggelassenen Spitze des Wasserturms „ W “ zu. Deutlich sind hier auf dem Foto (v.l.n.r.) der „alte“ Wasserturm „ 5 “, die Spitze des Entlüftungshütchens des Rundlockschuppens „ 1 “ und rechts daneben – ein klein wenig höher als das Entlüftungshütchen – die Spitze des zur Diskussion stehenden Wasserturms „ W “ zu erkennen. Aber eben nur die Spitze und nicht (wie schon erwähnt) das im Gegensatz zu anderen Wassertürmen jener Art und Zeit deutlich rundere Dach des Wasserturms.

Auf diesem Foto ist der Wasserturm „ W “ am rechten Rand des Entlüftungshütchens zu erkennen, während der „alte“ Wasserturm „ 5 “ das Dach des Rundlockschuppens überragt. Aus Sicht der in Blickrichtung ein Haus weiter links befindlichen Wohnung Felixmüllers würde die Spitze des Wasserturms „ W “ näher an die Spitze des Entlüftungshütchens „ 1 “ heranrücken. Der „alte“ Wasserturm „ 5 “ würde dann auf dem Gemälde links neben dem Rundlockschuppen erscheinen.
Und genau das ist der Fall, wie ein Blick auf das Gemälde zeigt.
Dies soll als hinreichend für unsere obige These angesehen werden.

Während der Rundlokschuppen nach Kriegsende als Reparationsleistung von den Russen abtransportiert wurde, lohnte es sich beim Wasserturm „ W “ offenbar nicht – wie das Luftbild noch 1954 zeigt.


Das zweite Beispiel hatte ich an anderer Stelle bereits ausführlich beschrieben.

Im Gemälde von Conrad Felixmüller hat der Künstler gleich ein ganzes Gleis – noch dazu ein wichtiges mit lebhafter Geschichte – weggelassen. Es handelt sich dabei um das von mir gern als „Tunnelgleis“ bezeichnete Gleis, das unmittelbar neben dem mit „ 9 “) markierten Ausgang des Fußgängertunnels an die Oberfläche kommt.
Für die weiteren Betrachtungen möchte ich Sie gern dorthin verweisen.
Tunnelausgang

Detlef Petereit


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